Hallo Maik Schon seit einiger Zeit stolpere ich immer wieder über diesen Faden, ohne mir aber je die Muße angetan zu haben, ihn auch zu lesen. Sinnentnehmendes Lesen erfordert Ruhe und Zeit, beides hatte ich heute und ich bin sehr froh darüber. Ich bin zwar kein ausgesprochener Victory-Fan, aber wie das mit mancher Modellbaukariere so ist, war sie mein Einstieg in den Holzmodellbau und so ist ein unterschwelliges Interesse immer vorhanden. Deine Recherche las sich wie ein unterhaltsamer Kurzweil, wohl auch wegen Deines humorvoll kundigen Umgangs mit der deutschen Sprache. Sie erscheint mir durchgehend schlüssig, so dass ich es lieber Anderen (Experten) überlasse, sie zum Gegenstand einer Diskussion zu machen. Fast nebenbei verändert sie meine Sichtweise auf das zu vermutende Erscheinungsbild der Victory. Vielen Dank dafür.
bis denne Willi
Es ist nicht alles falsch, was man nicht versteht.
Ein englisches Kriegschiff um 1803. Die Kreidefelsen und die blaue Flagge geben uns die Auskunft zu Zeit und Lokalität: die »Ville de Paris«, von John Henslow entworfen und 1795 in Chatham gebaut, war das Flaggschiff von Admiral William Cornwallis, dem Oberkommandierenden der Kanalflotte. 1803, weil die »Ville de Paris« in diesem Jahr zum Flaggschiff wurde, und weil Cornwallis im darauf folgenden Jahr zum Admiral der weißen Flagge ernannt wurde.
In vielen Details bemerkenswert, verschafft uns der Maler den Eindruck eines Linienschiffes ersten Ranges in zeitgenössischer Farbgebung. Ein fast durchgängiges Schanzkleid schließt die Bordwände nach oben hin ab; nur eine Öffnung vor dem etwas höheren Schanzkleid ums Achterdeck für den Weg über das Fallreep an Bord. Eine ockerfarbene Verblendung über der oberen Galionsregel. Zunächst unauffällig und schwer einzuordnen, so als setzte sich das Band der geöffneten Stückpforten über den Bug fort, aber es ist keine Pforte, der Fockhalsbaum ragt aus der rechteckigen Öffnung.
Thomas Buttersworth ist einer der wenigen, der Admiralspforten darstellt; Bei der »Ville de Paris« unter den Großrüsten vom Fallreep getrennt, das eine Pforte weiter vorn unter der Öffnung im Schanzkleid verläuft. Ganz anders in einem Bauplan des Schiffes von 1795, dort ist die Admiralspforte um eine Geschützpforte verschoben, und mit dem Fallreep kombiniert.
Die Bilderläuterung des NMM stellt die »Ville de Paris« als 110-Kanonenschiff vor (in den Daten zum Bauplan ist die Rede von »a 100-gun Third Rate«, was wohl »First Rate« heißen soll). Etwas länger als die Victory; in den oberen Batteriedecks zähle ich jeweils eine Stückpforte mehr; Gleichstand mit der Victory im unteren Batteriedeck nach dem »Great Repair«.
Ein Problem bei Buttersworth ist, dass sich die wenigsten seiner Bilder datieren lassen. Vollmatrose und Bootsmann, um 1800 gerade zum Fähnrich ernannt, schied er wegen einer in Minorca erlittenen Verletzung aus der Royal Navy aus.
Britannia’s Palette: The Arts of Naval Victory, 1944, von Nicholas Tracy - Seite 103-104
Sein Werk besteht aus Auftragsarbeiten, die vorwiegend in Privatbesitz verblieben. Erwähnung findet aber das 1812 in der Royal Academy ausgestellte Bild der »Ville de Paris« und…
Britannia’s Palette: The Arts of Naval Victory, 1944, von Nicholas Tracy - Seite 132
Die »Ville de Paris« ist eine gelungene Darstellung in der Art eines Kapitänsbildes. Damit bezeichnet man ein als Erinnerungsbild - oft nach Plan und Segelriss - gefertigtes Schiffsportrait. Auch wenn ich Pocock eine ähnliche Vorgehensweise unterstelle, der Vergleich zeigt qualitative Unterschiede, die verstehen lassen, weshalb Nicholas Tracy Buttersworth einerseits als einen erfolgreichen Marinemaler beschreibt, ihn zum anderen aber nicht in der Premier League spielen lässt.
Britannia’s Palette: The Arts of Naval Victory, 1944, von Nicholas Tracy - Seite 104
Einen Großteil seines Werkes machen Schiffsportraits aus, aber genaue Darstellung trifft bei ihm auf ein stereotypes Schema; die erwähnten Verkleidungen, Verschalungen und Schanzkleider sind quasi sein Markenzeichen - die häufig dargestellte Admiralspforte nicht zu vergessen. Am deutlichsten spiegelt sich die Routine in der nahezu naiven Note seiner Geschützdarstellungen wider.
Ich darf aber nicht vergessen zu erwähnen, dass er noch ein anderes Bild der »Ville de Paris« gemalt hat, welches in seiner feinfühligen Malweise und insgesamt im Arrangement dem eben gesagten widerspricht - gefunden bei bonhams.com und betitelt: »Admiral Lord St. Vincent's flagship Ville de Paris hove-to, but about to get underway again having 'dropped her pilot' off the Bugío lighthouse at the mouth of the Tagus«. Die Szene ist gegen 1801 einzuordnen, als der Cornwallis-Vorgänger Lord St. Vincent Oberkommandierender der Kanalflotte war. In den relevanten Details weicht das Schiff allerdings kaum von der erstgezeigten Version ab und demonstriert insofern das angesprochene Schematische der Butterworth-Bilder, ohne dass mir eine nähere Bestimmung notwendig erscheint. Ein kleiner Unterschied macht sich im Übergang der Schanz um die Back zu den Finknetzkeidern um die Kuhl bemerkbar; hier wird eine leichte Abstufung sichtbar, die im späteren Bild fehlt.
Die Schlacht von Trafalgar existiert ebenfalls in verschiedenen Versionen. Bei Buttersworth ist vorwiegend die Heckpartie der Victory abgebildet und variiert dabei von Bild zu Bild. Es scheint zunächst als hätte er auf die veraltete Form der Pocock-Darstellung zurückgegriffen, um sie in späterer Darstellung nach neuen Informationen upzudaten, aber in weiteren Versionen des gleichen Schlachtenensembles zeichnet sich eine willkürliche Gestaltung ab, wenn die Victory gar zum Vierdecker im Schusswechsel mit einer ebenbürtigen Santissima Trinidad wird.
In seiner Darstellung der Schlacht von St. Vincent am 14. Februar 1797 unterscheiden sich die Schiffe nicht vom späteren Layout; auch über Scheg und Galion ziehen sich Streifen und machen klar, dass Buttersworth seinem eigenen Muster folgt. Innerhalb der Maler seiner Zeit bildet er keine Ausnahme, wir finden Details bei ihm, aber es sollte klar sein, ein Bild der Victory, wie es unser Realismusanspruch verlangt, wird in der zeitgenössischen Malerei nicht zu finden sein.
Um Back, Achterdeck und Poop machen die Schanzkleider einen massiven Eindruck, aber auch um den Bereich der Kuhl sieht es nicht nach einfachen Finknetzen aus. Insgesamt sitzt diese Verkleidung kastenhaft mit Überstand auf der Bordwand auf.
…Da habe ich doch glatt Constable aus den Augen verloren - diese Finknetzkleider, oder was auch immer die Konstruktionen in den beiden Bildausschnitten darstellen, sind zwar gleichfalls bei der »Ville de Paris« zu vermuten, aber in Constables Skizzen sieht es nicht danach aus.
Wegen dieser Bildpartie hat Robin Brooks das Boot verlassen und ist in die Santissima Trinidat umgestiegen. Durch den Bildtitel verunsichert, führte sein Weg über die Temeraire; Constables Heckansicht zeigt nicht das, was er erwartete, aber muss sie deshalb zwangsläufig einen Spiegel mit Balkons darstellen? Die zwei Geschützpforten passen jedenfalls nicht zur alten Version. Ich bleibe in 1803 sitzen und behalte die Victory im Visier.
Aus den gemeinsamen Bildelementen Flaggenstock und Anker geht eindeutig hervor, dass die drei Skizzen in Zudammenhang stehen und ein und dasselbe Schiff in drei Ansichten abbilden. Klar, das gepünktelte Schanzkleid um die Kuhl bleibt rätselhaft.
Das mit den Markierungen in Seiten- und Heckansicht ein viertes Geschützdeck vorgetäuscht wurde, erscheint mir auch unwahrscheinlich; diese Vorstellung geht von einer Interpretation der Nelson Chequer als schwarze Quadrate auf hellem Grund aus - passt aber gar nicht ins Farbschema, und überdies ist in der Heckansicht die obere Rumpfpartie mit Schraffur abgedunkelt.
Ich vermute etwas zwischen den Rüsten, für das diese kurzen Strichelungen stehen, das von der Seite wie Luken aussieht, und da man es sieht, scheidet bei Constable die Idee mit den Finknetzkleidern aus. Bleibt eigentlich nichts anderes übrig: Öffnungen im Schanzkleid. Weil die Kuhl nur einen schmalen Decksstreifen übrig lässt, erfüllten sie aber höchstens die Funktion von Ladeluken im unbekleideten Zustand; und das wäre jetzt mein Eindruck: Constable zeigt die Bordwand (noch) ohne partielle Verkleidungen. Die dunklen Markierungen am Poop-Schanzkleid vervollständigen das Bild.
Problem: für ein Schanzkleid, wie ich es bei Constable vermute, gibt es keine bestätigende Quelle. Für Öffnungen im Poop-Schanzkleid zwar schon, aber kein Bauplan aus dieser Zeit erklärt irgendeine Form von Schanzkleid um die Kuhl zum festen Schiffs-Bestandteil, zwischen der Schanz um Back und Achterdeck klafft immer eine Lücke. Vorsichtig ausgedrückt, bestünde also ein scheinbar durchgängiges Schanzkleid aus mehreren Teilen, von denen der mittlere in keinem Plan oder nach Plan gebautem Modell etabliert ist - Stanfields Trafalgar-Gemälde ließe sich als Fürsprecher heranziehen, aber das entstand fast 30 Jahre später als sich im Schifsfbau bereits Vieles verändert hatte.
Was Constable meint, bleibt ein Rätsel; und wenn ich mich jetzt, mit Thomas Buttersworths Schema im Köcher, an die abschreckende Seitenansicht wage, wahrt die Unschärfe der Maltechnik Constables streng gehütetes Geheimnis.
The Chatham Cucumber newly painted
Constable hat keine reine Seitenansicht gezeichnet. Der Blick auf die Vorderkante der Poop zwischen den Schanzkleidern, die sichtbare Frontseite der Back unter dem Mariners Walk und die Anordnung der Heck-Laternen sind nur räumlich zu verstehen.
Wie verhext, wartet Pococks Victory in Nelson´s Flagships at Anchor ebenfalls mit einem umlaufenden schwarzen Schanzkleid auf - mit einer Merkwürdigkeit. Nach den Geschützen auf dem Achterdeck, müsste hier das Schanzkleid etwa gleich hoch wie auf der Back und mittschiffs sein (eben so wie bei Constable und Buttersworth); Pocock stockt es um eine Deckshöhe auf, die Extra-Schanz um die Poop passt nicht mehr. Seine Darstellung dea von schräg achtern gesehenen Schiffes in 'Victory' with the fleet off Stromboli widerspricht auch. Das Alles unterstreicht sein konstruiertes Schiffsbild.
Maik - absolut herrlich und oberinteressant. Und herrlich kurzweilig obendrein. Wenn ich vom Urlaub zurückkomme, werde ich noch ein paar Quellen suchen, mit denen ich dich füttern möchte.
Als ich vor Jahren im Wettringer sagte, ich würde auch eine Vic machen, hieß es nur: Ach iss doch langweilig, nicht schon wieder, warum nicht mal was Neues. Ich habe auf meinem ganzen Weg bisher immer wieder Neues und Unerwartetes gefunden, das macht dieses Schiff so spannend. Danke für deine neuen Sichtweisen zu diesem Thema. Von deinen Illustrationskünsten mal ganz zu schweigen!
Es bleibt höchst spannend für mich. Höchst spannend!
Die dritte Abbildung zeigt fast schon eine sogenannte "Klassizistische Antiqua", bei der die "Serifen" oder "Endstriche" im rechten Winkel von den eigentlichen Buchstaben abgehen und (im Gegensatz zur Renaissance- und Barockantiqua) nur noch dünne Striche bilden. Allerdings ist immer noch eine leichte Rundung im Übergang festzustellen, die um 1800 eigentlich schon aus der Mode gekommen war. Die beiden ersten Varianten würde ich jedenfalls eher als frei historisierend einordnen. Aber es ist auch schon ewig her, daß ich eine Schriftsetzerlehre angefangen und nach zwei Jahre abgebrochen hatte. Den Beruf gibt´s schon gar nicht mehr... :-)
@Eddie »New Roman« sagt Schriftexperte Professor Mosley zum mittleren Font. Man darf aber nicht vergessen, dass nur die Großbuchstaben dieses Fonts genutzt werden, dabei handelt es sich wohl nicht um den allseits bekannten Computer-Font »Times New Roman«, weil dieser regulär schon etwas kursiv ist. @dafi du weißt es wahrscheinlich am besten, welchen hast du verwendet?
Der dritte Font »fatface«, den Professor Mosley meint, sieht m.E. auch etwas anders aus und dürfte dem auf dieser Abbildung eher entsprechen:
Diese Schiffsnamen sind nicht fürs Computer-Zeitalter geschaffen, das R z.B. wirkt ganz anders; wir kennen auch nur die gemalte Form. Hätte man den Namen dieses Modells herangezogen, müsste der Schriftzug außerdem noch einen Tick größer in der Gillung stehen und weniger Rand haben, um mehr Ähnlichkeit zu bekommen - zumindest besteht hier mehr Verwandschaft zum Gemälde Pococks als zum derzeitig in Portsmouth verwendeten.
Der wohl aufregendste Teil in Constables dritter Zeichnung ist die Darstellung des Hecks, und es lohnt sich diesen Bildteil zur genaueren Analyse des Spiegels auszuschneiden, zumal es kein vergleichbares zeitgenössisches Zeugnis von der Heck-Partie der Victory gibt.
Constable widmet dem wesentlich detaillierteren Spiegel die gleiche Aufmerksamkeit wie dem übrigen Schiff; Mit Mühe sind einzelne Formen zu bestimmen.
Was sich außer den drei Laternen aus der Zeichnung deutlich lesen lässt, sind die beiden Geschützpforten, repair-konform auf zwei reduziert. Im Unterschied zu Pococks und Crépins Darstellung: Half-ports - der nach unten geklappte Teil ist deutlich.
Anzahl der Fenster? Schwierig. In den beiden unteren Reihen könnten das jeweils elf sein - zu unbestimmt, um als verbindlich angesehen zu werden.
Die Linien am oberen Teil des Hecks können ohne Problem als stellvertretend für den Wappenschmuck am Hackbord gesehen werden. Auf frühen Fotos aus der victorianischen Zeit schmücken drei Federn das Heck der Victory, die »Feathers of Wales«. 1803 kann nur eine »Trophy of Arms« ohne die Insignien des Prince of Wales vorhanden gewesen sein, denn, wie McKay erwähnt, wurden die Federn erst später von HMS Prince, einem anderen Teilnehmer der Schlacht von Trafalgar, importiert.
The 100-Gun Ship Victory (Anatomy of the Ship) von John McKay, 1987 Conway Maritime Press, Seite 13
Spannend wird es bei der Frage nach Zierelementen. Wie bekannt, wurden die Heckgalerien beim »Great Repair« geschlossen, anstelle müssten bei Constables Besuch dekorative Imitationen der Balkonbrüstungen zu sehen gewesen sein - in der Seitenansicht notiert Constable jedenfalls solche Armaturen an den Seitengalerien. Am Spiegel enden sie in spiralisierenden Blattformen - zur Verdeutlichung rot eingefärbt. Als Abschluss der mittleren Fensterreihe, zwischen den Spiralen, stehen vermutlich Figuren; recht unentschieden, genauso wie die Kontur des Spiegels im Allgeneinen, der Betrachter muss sie selbst in den kurzen verschnörkelten Linien finden. Die vereinfachte Form des neuen Spiegels erfährt in Constables Bleistiftführung einen Rückfall ins Barocke.
Noch spannender die obere Fensterreihe, wo eine geradezu übermäßige Betonung des Umrisses die eigentliche - wieder in Vorzeichnungsqualität gehaltene - Fensterdarstellung in den Hintergrund drängt.
Abgeteilt die äußeren Fenster dieser Reihe. Ich lese daraus, dass reliefierte Stützen aus dieser ansonsten ebenen Fensterfläche hervorragen und die Fensterbögen auf diesen Stützen aufliegen. Die große Bogenform über der Fenstereihe könnte eine Bucht begrenzen, also quasi eine Nische oder Einwölbung unter dem Hackbord. Das allein aus den Linien der Zeichnung zu lesen, ist natürlich Unsinn, deshalb schaue ich mich nach anderen Quellen zeitgenössischer Formentsprechung um und denke da an ein ganz bestimmtes Schiffsmodell im National Maritime Museum Greenwich (NMM).
Zitat von dafi im Beitrag #22Wobei ich persönlich auch einigen gemachten Andeutungen Maiks folge und am T-Day von hinten ohne ausgehe.
Der Schiffsname tritt, wie zu sehen, bei Constable nicht in Erscheinung, auch nicht in stilisierter Form stellvertretend, genausowenig wie später bei Turner. Fehlanzeige auch bei den zeitlich nächstliegenden Skizzen Livesays. Bei Crépin und Pocock: ja. Pocock bringt ihn allerdings nur in »Nelson's Flagships at Anchor«, in der Dreiviertel-Heckansicht »The 'Victory' with the fleet off Stromboli, January 1805« verzichtet er auf jegliche Andeutung. Deswegen halte ich den Schiffsnamen bei Crépin und Pocock für ein erzählerisches Mittel ohne direkten Bezug zum Schiff - also quasi eine Sprechblase im Historien-Comix.
Zitat von dafi im Beitrag #22@Eddie Welche Schriftart käme deinem Verständnis am nächsten?
Wobei ich persönlich auch einigen gemachten Andeutungen Maiks folge und am T-Day von hinten ohne ausgehe.
Lieber Gruß
Ich würde mich einfach an klassizistischen englischen Antiqua-Schriften wie der bekannten "Baskerville" orientieren und mich nicht auf teils historisierende Neuschöpfungen "im Stil des Klassizismus" verlassen.
Ein Vollrumpfmodell, Dreidecker, in der Gesamtwirkung bullig mit dem stumpfen steil aufgerichtetenn Heck, ein 98er, wie die fehlende letzte Pforte im unteren Batteriedeck verrät.
Das Schanzkleid mit drei Pfortenöffnungen um die Back, und eine hohe Reling mit Stützen und Geländer um das Hüttendeck. Senfgelbe Streifen folgen dem Schwung der Barkhölzer, am Heck gut zu sehen, wo die gelben Pfortendeckel sich der geraderen Linie des Decks anschließen. Die Außentreppe in der Schiffsmitte, ein einfaches Fallreep ohne Extras, ist ein Detail, das wir in den gezeigten Gemälden und Zeichnungen noch nicht gesehen haben.
Drei Schloiknie prägen das Galion. Das fortsetzende untere Galionssims ist kurz, die beiden darüber reichen bis zur Galionsfigur, und der ganze Bereich, bei den Ankerklüsen angefangen, ist gefüttert; etwas, auch bei anderen Modellen so gestaltet, aber ob es in dieser Zeit außerhalb des Modellbaus gilt, ist mir nicht bekannt - in der Malerei trifft man die gefütterten Galionssimse nicht an. Festzuhalten sind an dieser Stelle die drei Galionssimse.
Bei den Rochefort-Bildern der Hermione sieht das Futter in meinen Augen insofern modellhaft aus.
Die Galionsregeln werden durch V-förmige Spanten geführt, laut Wolfram von Mondfeld Kennzeichen der englischen Form.
Historische Schiffsmodelle: Das Handbuch für Modellbauer Gebundene Ausgabe – 1. August 2008 von Barbara zu Wertheim (Herausgeber), Wolfram zu Mondfeld (Autor) - Seite 122
Wörtlich genommen trifft das auf den vordersten Spant zu, die beiden anderen sind jedoch wesentlich weitwinkliger, weil dieser Bereich des Galions wegen der drei Simse weit nach oben gerückt und gleichzeitig relativ niedrig ist.
Die Drückerkonsole unter dem Kranbalken ist eine separate Stütze - eine Variante. Andernfalls geht die zweite Galionsregel, schwungvoll verlängert, in die Drückerkonsole über, unter Gestaltungsgesichtspunkten eine kompliziertere Form als diese hier. Die Galionsfigur wirkt karrikiert, nichtsdestotrotz wird dieses Modell eines Second Rate als Victory ausgewiesen; hören wir doch mal, was das NMM, zu dessen Sammlung es gehört, darüber sagt.
ZitatMaßstab 1:48. Ein zeitgenössisches Vollrumpf-Modell der Victory (1765), einem hundert Geschütze tragenden Dreidecker, Linienschiff ersten Ranges. Schmuckmodell; dargestellt nach der umfangreichen Instandsetzung (ihrer sogenannten »großen Reparatur«), die, 1803 abgeschlossen, der Schlacht von Trafalgar vorausging. Das Modell zeigt auch weitere nach Trafalgar vorgeschlagene Änderungen.
Die Enstehungszeit ist mit 1805 angegeben.
Das klingt nun doch etwas anders als meine Beschreibung erwarten ließ. »Linienschiff ersten Ranges« überrascht und trifft auf die 1765 gebaute Victory zu, aber auf dieses Modell? Erwägt man 1805 als dessen Entstehungsjahr, empfinde ich die Erwähnung von Trafalgar zur Datierung als etwas unglücklich, vermittelt sie doch fälschlich ein Gefühl von Zeitdruck; gemeint sind offensichtlich Einzelheiten, die über den damaligen Bauzustand hinausweisen. So umformuliert, wird mir allerdings klar, dass ein festes, nicht in allen Details mit dem Modell übereinstimmendes Bild, vorausgesetzt wird. Sollten die Schanzkleider als abweichendes Element gemeint sein, ist das vorausgesetzte Bild korrekturbedürftig.
Unabhängig davon, ob diese Victory nur das umdeklarierte bzw. überarbeitete Modell eines anderen Schiffes war und angefertigt, damit die Admiralität zur Besprechung weiterer Maßnahmen etwas im Schrank stehen hatte, es ist das Beispiel für eine Bauform dieser Zeit, also den Zeitraum des »Great Repair« und damit auch Constables Chatham-Besuches.
Dennoch, wir suchen nach Erklärungen, weshalb das die Victory sein soll, und das, was ich gerade gesagt habe, klingt eher wie eine Ausrede. Schauen wir auf die Historienmalerei, sehen wir eigentlich hauptsächlich Falsches. Zeitgenössische Kritik gab es natürlich, und teilweise heftig, doch wurde nicht mangelnder Realismus der Gegenstandsdarstellung kritisiert. Ich denke, ein interessantes Thema, auf das ich noch etwas ausführlicher eingehen werde, hier aber mal als Wandel der Sehgewohnheiten abhake. Deshalb nochmal verkürzt: ich sehe im Modell ein Beispiel für den »Great Repair« und damit auch eine Aussage zum Trend im Schiffsbau.
Weshalb meine Einordnung als Second Rate bei weitem nicht so klar ist und voreilig sein könnte, zeige ich noch, zunächst aber soll sich alles um die Frage drehen: wer war im vereinigten Königreich verantwortlich für Planung und Bau von Schiffen?
Shipwright = Schiffbauer Master shipwright = Schiffbaumeister Surveyor of the Navy = Gottes rechte Hand
1745 wurde die Verantwortung für Schiffbaupläne und Entwürfe auf ein zentrales Sachverständigen-Büro übertragen, während für die Umsetzung die Schiffbaumeister der jeweiligen Werft verantwortlich blieben. 1765, im Falle der Victory, gilt Thomas Slade als oberster Marine-Sachverständiger zeichnungsberechtigt für die Schiffsplanung. Es war also immer die Handschrift eines Mannes, die seit 1745 epochenweise den Schiffbau prägte, und um 1800 war John Henslow dieser Mann.
Von 1785 bis 1806 bekleidete er das Amt des Surveyor of the Navy, und sucht man einen zum Vollrumpfmdell von 1805 passenden Plan, sollte dieser in die Zeit gehören, in der John Henslow die Fäden in sämtlichen Formbelangen in der Hand hielt, aber ein solcher Plan scheint nicht (mehr) vorhanden. Nahe kommt ein Bauplan der Dreadnought; er gehört in die Zeit des »Great Repair« und enthält einige am Modell beschriebene Einzelheiten.
Im Maßstab 1:48, ein Standard, dem auch das Modell folgt, das im Übrigen 1,42 m lang ist - wie gross wohl der Schrank war, in dem die Admiralität es stehen hatte? Der Dreadnought-Plan ist zwar im selben Maßstab, enthält aber noch andere Ansichten als den Seitenriss, und ist deshalb mit 721 x 1919 mm noch um einiges größer als das Modell.
Besonders beim Bug zeigt sich eine auffällige Ähnlichkeit. Die Anzahl der Galionsspanten ist im Plan zwar größer, aber die Abkopplung des Kranbalkens vom Galion findet eine Entsprechung, genauso wie die Gestaltung der Galionssimse. Schanzkleid um die Back und Laufstellchen auf dem Hüttendeck, das allerdings im Plan um eine Geschützpforte kürzer ausfällt, sowie auch die Anzahl der Geschützpforten auf Achter- und Backdeck nicht übereinstimmt - insgesamt aber viel Ähnliches.
Um ein allgemeingültiges Merkmal der Plan-Zeichnung zu erwähnen, die Unterkanten der Barkhölzer sind in kräftiger Linie betont, und man sieht wie ihr Schwung den leichten des Decksverlaufes übertönt.
HMS Dreadnought, 1801 vom Stapel gelaufen, war ein 98er und nahm als Linienschiff zweiten Ranges an der Schlacht von Trafalgar teil. Der Bauplan ist der Dreadnought zugeordnet, obwohl er ein Jahr nach Fertigstellung des Schiffes entsteht. Weshalb das, und ob es eine Weiterentwicklung des gebauten Schiffes ist, wird nicht erklärt; dass Baupläne eine Entwicklung durchmachen ist aber nicht ungewöhnlich.
In diesem Fall vergehen inklusive Bauphase der Dreadnought vierzehn Jahre. Es lassen sich entscheidende Veränderungen im Erscheinungsbild des Schiffes ablesen, und in der langen Entwicklungsgeschichte des Planes ist die Abspaltung einer eigenen Schiffsklasse dokumentiert.
Wie schon im Maßnahmenkatalog des »Great Repair« angesprochen lagen auch beim frühen Plan der Dreadnought von 1788 die Rüsten ein Deck tiefer. Das Galion ist anders aufgebaut. Zwei Simse, und, wie als Gestaltungsalternative beim Modell erwähnt, die in die Drückerkonsole übergehende zweite Galionsregel. Interessant, die schwächer betonte Linie in der Fortsetzung des unteren Galionssimses; Hinweis auf die Einberechnung einer großen Galionsfigur.
Die Back ist durch eine Reihe von Pollern (Timberheads) gesäumt. Im Juni des Jahres 1788 stand offenbar eine Sache schon als Veränderung fest, die Verlegung der Rüsten.
In Grün eingezeichnet hingegen ist eine geplante Umgestaltung des Galions; die Ankerklüsen sollen etwas nach unten versetzt werden, um Platz für ein drittes Galionssims zu schaffen. Ebenfalls als Veränderung vorgesehen, die zusätzliche Stückpforte und die Lüftungspforte.
Im NNM folgen noch weitere Pläne. Das Wesentliche ist aber in den beiden genannten abgebildet, der folgende vom April 1790 wirkt wie ein wiederhergestelltes Backup ohne die angedachten Änderungen. Neu ist lediglich die Adresse, Gegenstand ist nicht mehr die Dreadnought sondern HMS Neptune, und Ähnliches geschieht im Juli 1790. Inhaltlich unverändert, bezieht sich der Plan nunmehr auf vier Schiffe: Neptune (1797 fertiggestellt), Temeraire (1798), Ocean und Queen (1805).
Vollständig baugleiche Schiffe sieht dieser Plan allerdings nicht vor, einige Anmerkungen gelten nur für Neptune und Temeraire, während laut Beschreibungstext für Ocean eine Verlängerung von dreieinhalb Metern angeordnet wird. Dennoch gehören die Schiffe alle zur Neptune-Klasse.
Namensgeber einer Klasse ist übrigens das Schiff, welches zuerst vom Stapel läuft, nicht das zuerst geplante. Es mag den Entwicklungsgang besser illustrieren, aber in Sam Willis' »The Fighting Temeraire« klebt das Etikett »Dreadnought-Klasse« hundert Jahre zu früh auf der Packung.
The Fighting Temeraire: Legend of Trafalgar von Sam Willis, Hachette UK, 12.07.2012 - Seite 97
ZitatDreadnought "bezeichnete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen neuen Typ von Kriegsschiff, der ab 1906 die bis dahin vorherrschenden Linienschiffe in jeder Hinsicht übertrumpfte. Der Begriff geht zurück auf das erste Schiff dieser Art, die in jenem Jahr fertiggestellte HMS Dreadnought.
ZitatDie 1797 in Deptford gebaute HMS Neptune war ein britisches Linienschiff zweiter Klasse mit 98 Kanonen auf drei Decks. Sie war das Typschiff der Neptune-Klasse.
Offen bleibt, ob die grün markierten Neuerungen beim Bau der Dreadnought berücksichtigt oder erst nachträglich neben den modernen Schanzkleidern konkrete Bestandteile des Plans von 1802 wurden; und da die Dreadnought nicht im Gemeinschaftsplan vom April 1790 erwähnt wird, bleibt irgendwie unklar, ob sie überhaupt zur Neptune-Klasse zu zählen ist.
Im »body plan« vom 6. Juli 1790 wird sie nicht mehr erwähnt. Beim besagten »inboard profile« sind noch Balkons eingezeichnet; glich sie bei Fertigstellung 1801 Neptune und Temeraire, oder war sie schon moderner und ähnelte dem Plan vom 24. März 1802?
Vielleicht liegt der Fall hier ja ähnlich wie beim beschriebenen Vollrumpfmodell, und der Plan ist nach einem Schiff benannt, dass anders gebaut wurde. Auch hier zählt für mich hauptsächlich die Datierung des Bauplans, und dass er, im Vergleich zu vorangegangenen Versionen, Neuerungen enthält, welche den Entwicklungsstand zur Zeit des »Great Repair« beschreiben.
Etwas fehlt beim Vergleich der Ausschnitte: das Heck. Im ersten Plan von 1788 war eines, wie üblich, mit offenen Gallerien vorgesehen, dabei blieb es auch in den folgenden Ablegern. Erst um 1802 erscheint der glatte Spiegel - und idealerweise separat in Aufsicht.
Schnelles Resümee: acht Fenster pro Reihe und vier Geschützpforten. Das ursprüngliche, der Neptune-Klasse vererbte Heck, ähnelt dem, welches Pocock an seiner Victory zeigt, doch hier erscheint eines, wie es der Maßnahmenkatalog zum Repair der Victory fordert - die Anzahl der Fenster und die Einsparung zweier Geschützpforten mal außer Acht gelassen. Was uns natürlich vorrangig interessiert ist die Ausgestaltung der oberen Partie, und das sieht hier so aus: die Bögen über den äußeren Fenstern ruhen auf dem Kapitell des Pilasters. Eine nahezu direkte Umsetzung finden wir bei diesem Modell der Caledonia, die in der Planung ebenfalls noch in die Ära Henslow fällt, die Fertigstellung 1808 aber in die Verantwortung seines Stellvertreters und Nachfolgers William Rule.
Die Caledonia ist ein 120-Kanonenschiff und wie die Victory als First Rate einzuordnen; wesentlicher Unterschied zum Plan der Dreadnought sind die neun Fenster pro Reihe und die zwei Geschützpforten.
Mit diesem Modell bewegen wir uns allerdings in einem anderen Zeitraum. Es ist in zwei Hälften angelegt, um unterschiedliche Bauformen zu demonstrieren. Das NMM macht keine Angaben zur Entstehungszeit, aber die nicht gezeigte Hälfte ist dem Modernisierungskonzept Robert Seppings folgend gestaltet und kann insofern erst nach 1813 gebaut worden sein.
Wichtig ist der gewonnene Eindruck der Spiegelgestaltung, und die Tatsache, dass es sich bei Planung und Modellen um keinen Einzelfall handelt, denn beim Vollrumpfmodell von 1805 treffen wir auf eine nahezu identische Form:
Bei den Pfortendeckeln zeigt Constable mit den Half-ports eine andere Variante, und in dieser Ansicht erhalten wir den direkten Hinweis, dass dieses Modell die Victory sein soll: der Name steht drauf — noch kleiner als bei Crépin.
Zu Font und Gestaltung bemerkt: es handelt sich zwar um ein Modell, und Schriftzug sowie Font sind echt, die zurückhaltende Schriftgröße harmoniert mit der kleinteiligen Ornamentik des Modells und ist möglicherweise auf dieses zugeschnitten, und ob der Name deshalb direkt übertragbar ist, scheint mir genauso fraglich wie bei Pocock - wie gesagt, von Augenzeugen ist er nicht dokumentiert.
Weshalb dieses Modell auf der Grundlage eines 98ers aufbaut und das Heck eines »First Rates« hat, bleibt ungeklärt, nach wie vor gilt für mich: Im Modell werden aktuelle Strömungen des Schiffbaus abgebildet - und insofern nichts, was über den Rahmen des »Great Repair« hinausgeht. Interessant ist es ganz besonders in einer Hinsicht, oder sollte ich lieber sagen, in einer Ansicht.
Zurück zu Constable… Moment. Da gibts noch eine Leiche in den Keller zu schaffen.
Die getuschte Bleistiftzeichnung eines Schiffshecks - der Rumpf mit hell hinterlegten Pfortengängen und geöffneten Luken wird erwähnt. Keine ausgerannten Geschütze und relativ hoher Freibord. Liegt das Schiff im Hafen?
Stark betonte Ornament-Darstellung. Die Bemusterung der Zierballustraden ist stellvertretend links in der oberen angedeutet. Zumindest der Abschluss in spiralformiger Blattstruktur hat Ähnlichkeit mit dem, was Constables Zeichnung vermuten lässt, und auch die erwähnten Figuren werden konkretes Beispiel; ohne Vergleich sind die Strichelungen an der Unterkante.
Deutliche Fensterrechtecke bei Constable kein Thema, hier grobflächig summarisch durch dunkle Linien abgeteilt, und im Vergleich zur rahmenden Ornamentik von provisorischem Charakter. Der Spiegel wirkt flach und modern, u.a. weil keine Anspielungen auf klassische Elemente und Formverbindungen vorhanden sind; besonders auffällig unfunktional sind die Girlanden über der oberen Fensterzeile, die nur entfernt an die bekannten Säulen- und Bogenformationen erinnern.
Sollte die Gestaltung des Hecks ein frühes Beispiel für den wachsenden Stilpluralismus des 19. Jahrhunderts sein, gemessen an der eher traditionellen Formsprache zeitgenössischer Modelle steht sie im maritimen Umfeld auffällig allein. Die überbordende Ornamentik des Vollrumpfmodells wird durch bekannte Formelemente begrenzt und ist in diesem Zusammenhang ein weit weniger überraschendes Extrem.
Kein Schiffsname, dennoch, es soll die Victory sein, wie aus der schwungvollen Handschrift hervorgeht: »Victory Dez 1806«, und weiter wird in gleicher Handschrift erklärt: »had two boats lowerd down astern during the whole Action«. Achtern zwei Boote im Wasser während der ganzen Aktion - der Bezug zur Schlacht von Trafalgar und Schmutzflecken auf dem Papier sind die Patina, die zum Gedanken weiterleiten: Wow, die Victory nach der Schlacht; so zumindest wird die Zeichnung verkauft.
Wieder der Holzweg, aber durchaus ein Gedanke, den ein Auktionstext provoziert.
Am 19. Juni 2002 schlug der Hammer Christie's zu; ein Marinepäckchen im Angebot: Fünf ungerahmte Skizzen von John Livesay (ungefähr 1799-1832), zusammen mit dem Logbuch eines Walfängers aus dem 18. Jahrhundert.
Kriegsschiffe, einschließlich Colussus, Tonant[sic], französische Schiffe in der Schlacht am Nil erobert, Mars (Vorderseite) und Bugansicht Mars (Rückseite) und Temeraire - (sic, eine redaktionelle Anmerkung zur eigentümlichen Schreibweise der Schiffsnamen Colossus und Tonnant).
Ein Album von S. Rawle, bestehend aus 6 kolorierten Stichen nach N. Pocock. Ein Brief John Livesays an N. Pocock, Esq., vom 17. Januar 1806, mit ein paar Details zu Schäden an bestimmten Schiffen, die ihnen in der Schlacht von Trafalgar zugefügt wurden, und der Erklärung, dass er (Livesay) im Gespräch mit Offizieren den Eindruck gewann, die alliierte Flotte sein nicht so sichelförmig angeordnet gewesen, wie in den Briefen Lord Collingwoods geschildert; und die Kopie eines Planes aus den Beständen der Victory, mit Schiffspositionen der britischen und der alliierten Flotte, datiert: Portsmouth, Januar 1806 - last not least, wiederum ungerahmt, eine Heck-Skizze der Victory von John Livesay.
Eine Fußnote zur Auktion erwähnt John Livesay, und dass er im April 1799 zum Drawing Master der Royal Naval Academy ernannt worden war.
Lässt man das irrelevante Walfänger-Logbuch weg, ergibt sich quergelesen: Eroberte Kriegsschiffe - beschädigte Schiffe - Trafalgar - Kopie eines Schlachtplans, Portsmouth, Januar 1806 - Heck der Victory - John Livesay - Drawing Master der Royal Naval Academy.
Ähnlich wie bei der Pocock-Zeichnung stellt ein Bildtext einen Bezug zur Schlacht von Trafalgar her; den blende ich mal aus und konzentriere mich auf die sachliche Information: Victory, Dezember 1806.
Wikipedias Daten folgend, leistete das Schiff bereits wieder Routinedienst auf dem Medway. Abweichend nennt hms-victory.com das Jahr 1808 als Abschluss der Instandsetzung, und so verkehrt ist das gar nicht, denn die Victory hatte Probleme. Wie Brian Lavery schildert, ließ der Zustand des Schiffes zu wünschen übrig, hören wir uns seine Geschichte doch mal im Ganzen an (frei übersetzt).
Nelson's Victory: 250 Years of War and Peace von Brian Lavery, EAN: 9781612518671 Seite 147
ZitatFrühzeitig, noch 1805, direkt nach Ankunft in der Werft, gab die Admiralität ein Gutachten in Auftrag, das mit dem optimistischen Ergebnis einer fünf- bis sechswöchigen Liegezeit im Dock aufwartete - ein Seemann beschreibt die erste Zeit in Chatham als äußerst schwierig, vor allem, weil soviel Prominenz an Bord kam, dass das durchlöcherte Schiff wegen der Schaulustigen nur noch schwer zu manövrieren war.
Obwohl die Admiralität für die Victory eine bevorzugte Behandlung anordnete, verzögerte sich das Eindocken unplanmäßig; erst am 27. Februar stand der Termin wirklich fest, die verbliebene Crew wurde auf andere Schiffe der Navy verteilt, und dann war es am 6. März 1806 endlich so weit: die Victory kehrte an ihren Geburtsort zurück, das Dock Nummer 2. Nach ersten Untersuchungen erkannte man rasch die starke Abnutzung des Kupferbeschlags und befand eine Erneuerung als dringend erforderlich; in Folge genauerer Untersuchung sah man von einer zügigen Wiederindienststellung ab und leitete im April eine Trocknungs- und Lüftungsphase ein. Wieder ausgedockt wurde die Victory schließlich am 3. Mai, blieb aber bis auf Weiteres unter strenger Beobachtung der Werft in Chatham. Im Oktober erklärte sich der Schiffbaumeister mit dem Ergebnis der Trocknung zufrieden, die Victory war wieder diensttauglich - bis zum März nächsten Jahres. Ein erneuter Werftaufenthalt wurde für den 11. April 1807 geplant, doch waren die Niedrigwasser in dieser Zeit so ungünstig (the tides were 'so very slack'), dass der Werftbesuch um zwei Wochen aufgeschoben werden musste. 23. April: Kurzaufenthalt in Chatham. Eingedockt, um die Nagelung der Kupferplatten aufzufrischen.
November 1807 erging der Befehl, die Victory seefertig zu machen - übereilt, wie sich herausstellte, gewiss war die Holztrocknung im Jahr zuvor erfolgreich, doch der Schiffbaumeister Robert Seppings äußerte starke Bedenken und stufte das Schiff als nicht einsatzfähig ein. Seinem Urteil nach kamen die Maßnahmen gegen die Trockenfäule leider zu spät, ein Vordringen ins Innere der Beplankung konnten sie nicht verhindern. Wegen dieser Mängel und um die Materialbelastung zu reduzieren, entschied man sich im November 1807 zur Neuklassifizierung der Victory als Linienschiff zweiten Ranges.
Dezember 1806 war die Victory also offiziell im Dienst, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, in der Livesay-Zeichnung sei ein renoviertes Heck abgebildet, zumal keinerlei Spuren von Beschädigung zu sehen sind - im Unterschied zu den fünf ungerahmte Skizzen, die 1805 in Portsmouth entstanden. Hier sind die Schäden offensichtlich und wurden auch zeichnerisch nicht übergangen.
Doch gibt es im Zusammenhang mit den Zeichnungen Livesays ein Problem. Um den schlechten Beigeschmack von Fake zu vermeiden, greife ich lieber zum Märchen, und eines ginge etwa so - wen es vor Märchen graust, lese hier und überspringe den nächsten Abschnitt.
Der Mann am Fenster hatte mit Wiedereröffnung der Marineakademie erneut seine Position als Zeichenlehrer eingenommen. Das war vor einem Jahr geschehen und eigentlich Grund zur Freude, nicht wegen des Gehaltes, das reichte nicht, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren; mit einigem Stolz konnte er behaupten, dass außer ihm kein anderer aus dem alten Lehrerkollegium übernommen worden war. Echtes Vergnügen hätte es ihm bereitet, seine alte Visitenkarte wieder austeilen zu können; nun ging das nicht mehr. »Portrait, Landscape, and Marine Painter, Drawing-Master to the Royal Academy, Portsmouth, 61 Hanover Street, Portsea.«
Donnerwetter. Zeichenprofessor an der Royal Academy, Immerhin Schüler Benjamin Wests, und Bilder hatte er auch so einige in der Royal Academy ausgestellt.
Wenn sein Gegenüber einen weniger intelligenten Gesichtsausdruck machte und „Portsmouth?” fragte, lenkte er lächelnd ein, die Visitenkarte sei zu klein, um darauf den vollständigen Schulnamen Royal Naval Academy auszuschreiben.
Na ja, aber nun war es entschieden, Nach über einem Jahr Pause war die Marineakademie 1808 als »Royal Naval College« wiedereröffnet worden und der Schatten der Royal Academy of Arts in London gänzlich verschwunden. Er war nun das, was er immer schon war, Mitglied eines Lehrerkollegiums, mit der Aufgabe betraut, kaum den Kinderschuhen entwachsenen jungen Herren, die eine Offizierslaufbahn in der Marine anstrebten, im Rahmen allgemeinbildender Unterrichtseinheiten Grundlagen im Zeichnen zu vermitteln. Und das war mindestens genauso wichtig wie der Französischunterricht, Fechten, oder den Umgang mit Feuerwaffen zu lehren. Schriftverkehr und Konversation, auch wichtig, dafür war eigens ein Writing Master angestellt, sogar Tanzunterricht war vorgesehen, rangierte aber an letzter Stelle. Man redete zwar von jungen Gentlemen, und vielleicht war er als Lehrer auch nicht wirklich ein Motivations-Genie, aber wenn ein Elfjähriger eingeschult wird, ist er ein Kind und leider niemand, der sich wirklich fürs Zeichnen interessiert.
THE ROYAL NAVAL COLLEGES AT PORTSMOUTH AND GREENWICH, Christopher Lloyd, Published online: 22 Mar 2013, Pages 145
Sein Neffe war seit neustem der Writing Master. Als er an ihn dachte, sah er sich gleich wieder in Schwierigkeiten. Ein Gemälde wie das für Lord Salisbury mit über 5000 Figurendarstellungen, wie soll er so etwas zeitaufwändiges zukünftig handhaben? Ohne Vertretung, ohne die Unterstützung seines Neffen. Ein fähiger Kerl. Zuverlässig, und in brenzligen Situationen zur Stelle, besonders bei diesem Großauftrag für Lord Salisbury vor sechs Jahren. Hab lange daran gesessen und mir einen Rüffel der Schulleitung wegen Verletzung der Fürsorgepflicht eingehandelt. Nur was jetzt, wo der Junge nicht mehr einspringen kann, weil er selbst Verpflichtungen hat…
„Post für Mr. Livesay!”. Er hatte den Briefträger vom Fenster aus gesehen, ob nicht Pocock mal wieder um Unterstützung bat? Als guter Maler und Zeichner, sehnte er sich nach Aufgaben fernab des Schulalltags - der Brief sah nicht gut aus. Zahlungserinnerung. Noch war der Ton respektvoll: Sehr geehrter Herr Richard Livesay…
Und hier endet die Geschichte von Rumpelstilzchen auch schon, und nein, Richard Livesay lebt mit Sicherheit nicht mehr, sondern ist im November 1826 in Southsea, Hampshire gestorben.
Der Hinweis zur Auktion lautete: John Livesay wurde im April 1799 zum Drawing Master der Royal Naval Academy ernannt. Richtig ist 1797, neben der falschen Datierung wiegt aber schwerer, dass es den »Drawing Master John« Livesay nicht gegeben hat.
Nicholas Tracy erwähnt, dass John, vermutlich Richard Livesays Sohn, diesem bei der Anfertigung von Drucken zur Hand ging.
Britannia’s Palette: The Arts of Naval Victory, 1944, von Nicholas Tracy - Seite 30,91
Bei F. M. O'Donoghue wird John Livesay, »The sole legatee« - der alleinige Vermächtnisnehmer - zum Neffen, der sich finanziell nicht in der Lage sieht, das Erbe seines hochverschuldeten Onkels anzutreten und es deshalb ausschlägt.
Richard Livesay wird in zwei Briefen genannt. Der erste vom 22. Juni 1801 an den Marine-Beauftragten in Portsmouth, Sir Charles Saxton. Hier wird erwähnt, dass Livesay, der gerade an einem aufwändigen Gemälde für Lord Salisbury arbeitete, daran zu erinnern sei, seinen Lehrerpflichten nachzukommen, oder doch wenigstens für eine Vertretung durch seinen Neffen zu sorgen.
Der zweite Brief, ein Jahr später, vom 26. Juni 1802, ist an Lord Salisbury, den Auftraggeber des Gemäldes addressiert - wahrscheinlich »the Review of the Hertfordshire Volunteers by the King in Hatfield Park, 13th June 1800« - mit der Bitte, Livesay davon in Kenntnis zu setzen, dass die Ferienzeit der Marineakademie zu Ende sei, und er aufgefordert ist, ins Amt zurückzukehren, oder andernfalls doch bitte eine Vertretung zu stellen, mit der die Schulleitung einverstanden ist. Wie man aus dem Brief an Sir Charles Saxton herauslesen kann, wird der Neffe von St. Vincent als fähig betrachtet, seinen Onkel als Zeichenlehrer zu vertreten.
Der zweite Brief erwähnt ihn nicht mehr, aus welchen Gründen auch immer, so ließe sich vermuten, eine andere Vertretung sei wünschenswert. Einen schlechten Eindruck hat er aber bestimmt nicht hinterlassen, denn 1808 wird er in den Lehrkörper des Royal Naval College als Writing Master aufgenommen, und der entsprechende Ausschnitt im 1829 erschienenen United Service Journal and Naval and Military Magazine bescheinigt seine bereits 21 Jahre andauernde Tätigkeit in diesem Amt.
Diese Liste ist noch insofern interessant, als die Zeile unter dem Writing Master John Christian Schetky erwähnt, Er tritt 1811 Richard Livesays Nachfolge als Zeichenlehrer an, während dieser ins Fach Mathematik wechselt (in der Liste von 1829 nicht mehr enthalten). Von 1808 an gab es also eine Zeit lang zwei Livesays am Royal Naval College.
Derjenige, an den sich laut Auktionstext Pocock wandte, war mit Sicherheit Richard. Die Zusammenarbeit der beiden wird auch von Nicholas Tracy in Britannia’s Palette erwähnt (etwas ausführlich, aber Tracys Abschnitt enthält einiges an Hintergrund für späteren Gebrauch):
Britannia’s Palette: The Arts of Naval Victory, 1944, von Nicholas Tracy - Seite 203
Ein Thema, für dessen Aufarbeitung man nicht mal England verlassen musste, war die Ankunft dänischer Prisen in Portsmouth, die sich nach dem Bombardement von Kopenhagen ergeben hatten. Überliefert ist, dass Pocock und Richard Livesay - jetzt Drawing Master am Naval College in Portsmouth - an einer kolorierten Bleistift- und Tuschzeichnung der »Justitia, erobert in Kopenhagen, 1807« zusammenarbeiteten, und Johann Christian Schetky, der später Livesay im Amt nachfolgen sollte, malte eine ansprechende Skizze der dänischen Prise Odin. Das bedeutendste Bild der Kopenhagen-Kampagne von 1807, ist ein Bild der Prisen von J.M.W. Turner, obgleich er in seinem fertigen Werk, eine direkte Bezugnahme zu dieser Aktion vermied, weil ein politischer Stimmungsumschwung die Operation mittlerweile missbilligte. Offenbar in der Befürchtung, keinen Absatz für ein unpopuläres Thema zu finden, nannte Turner das Bild 1809 bei Ausstellung in der Royal Academy in »Boat’s crew recovering an anchor« um.
Bei Tracy geht es zwar um das Jahr 1807, bzw. 1808, aber er spricht eindeutig von Richard - kein Platz in der Geschichte für Drawing Master John.
Außerschulische Aufträge standen bestimmt oft mit Schiffen im Hafen von Portsmouth in Zusammenhang, weil das Royal Naval College dort seinen Sitz hatte - nur war die Victory auf dem Medway stationiert, und ich frage mich, in wessen Auftrag der 1806 anstellungslose Richard Livesay im Dezember in Chatham war, um sie zu zeichnen.
Hier lasse ich nochmal Nicholas Tracy sprechen:
ZitatRichard Livesay wurde 1796 zum Zeichenlehrer an der Royal Naval Academy ernannt. 1806 schloss sie ihre Türen, aber St. Vincent hatte empfohlen, sie nach dem Vorbild der Akademie in Great Marlow umzugestalten, und Admiral Barham, zur Zeit von Trafalgar erster Lord, stimmte zu. Sie wurde 1808 als Royal Naval College unter der Leitung des Mathematikers Reverend James Inman wiedereröffnet, und 1811 übernahm John Christian Schetky den Posten des Zeichenlehrers.
Britannia’s Palette: The Arts of Naval Victory, 1944, von Nicholas Tracy - Seite 30