Glückliche Zeiten. Lange waren die Geschütze einer der kritischsten Teile des Modellbaus. Originalgetreue Modelle von Geschützrohren gab es nur in Ausnahmefällen. Ansonsten gab es grottige Nachahmungen im Bausatz- und Nachrüstbereich. Auch aus Messing gedrehte Rohre waren meist nicht genau an ein existierendes Baumuster angepasst (wenn überhaupt an eines wie an vielen überdimensionierten Trauben zu sehen), zusätzlich fehlten alle Details wie Pulverpfannen oder Monogramme oder die schönen Verziehrungen des 17. Jahrhunderts. Hardcore-Modelbauer konnten hier nur durch Einzelanfertigung oder doch aufwendigen Guss in Resin oder noch anspruchsvoller Metall entsprechende Lösungen bauen.
Mittlerweile lassen sich die Rohre per Druck herstellen, und - wenn gut recherchiert wurde - auch genau die auf die Epoche und Nation des Schiffs angepasste Form. Mit der richtigen Maltechnik lässt sich auch ein ansprechender Eindruck erzielen, der sich der Erscheinung des Restmodells gut unterordnet.
Aber gerade dieser neue Ansatz ermöglicht auch einige neue Überlegungen, die mir in letzter Zeit im Kopf herumgefahren sind. Prinzipiell stellen die meisten Modellbauer die Geschütze ausgerannt dar, wenige andere gestaute Geschütze.
Der momentane Modellbaustandard ist es, das Rohr mit der leeren Pulverpfanne zu zeigen. Ein Zustand, der nach meiner bisherigen Einschätzung in der Realität nicht existiert haben wird.
Ganz links die leere Pfanne, der aktuelle Standard. Nach meinem Wissen war das Zündloch aber ein hochsensibles Detail, dass es immer zu schützen galt. Dreck, Schmutz und Feuchtigkeit oder Funkenflug musste ferngehalten werden, sonst wollte das Ding bestimmt nicht zünden oder tat dieses zu früh.
Da die Geschütze die meiste Zeit geladen waren, sollten sie eigentlich mit Tompion und Bleiabdeckung von Pfanne bzw. Zündschloss versehen sein. Dies gilt für alle gestauten Varianten.
Sind die Geschütze ausgerannt und es wird Gefechtsbereitschaft gezeigt, kann auf den Tompion verzichtet werden, da die Abdeckung erst als letztes kurz vor dem Schuss abgenommen wird. Nur beim Scharfmachen bzw. kurz vor dem Schuss ist das Zündschloss zu sehen.
Sind die Geschütze ausgerannt aber ohne Gefechtsbereitschaft, dann sollten Tampion und Abdeckung zu sehen sein. Im Bild oben die Varianten ohne Tampion, einmal Zündschloss offen, einmal Zündschloss abgedeckt und einmal Abdeckung ohne Zündschloss bei Luntenverwendung.
Auch moniere ich ja immer Vorsicht an, wenn die einfache Skalierung der Drucke propagiert wird. Wie Radio Eriwan, theoretisch ja, praktisch ist aus meiner Erfahrung ab 25%-50% die Skalierung die Details zu überprüfen, je nach Komplexität und Detailreichtum.
Hier zu sehen an Rohren im Maßstab 1:100, also ca. 30 mm lang. Die Rohre mit der weißen Mündung haben bereits eine 10-fache Überhöhung des Wappens gegenüber dem Original. Farblich zu highlighten ist das schon schwierig, und bei einer Betrachtungsebtfernung ab 20 cm sind die Wappen nicht mehr wahrnehmbar. Diese Erhöhung ist für Makroaufnahmen nicht schlecht, leider verliert sich das Detail bei Betrachtung mit dem nackten Auge komplett.
Die Geschütze mit der roten Mündung haben nochmals eine zusätzliche Überhöhung, die sich highlighten lässt und im normalen Betrachtungsabstand erkennbar ist und als reell wahrgenommen wird.
Im Gegenzug würden diese Druckdaten jetzt in 1:48 oder gar 1:24 ausgedruckt, was rein technisch kein Problem ist, würden diese Details klobig und überbetont aussehen.
Auch sind bei beiden Rohrtypen die Verstärkungsringe aus den gleichen Gründen schon dem Maßstab entsprechend etwas stärker akzentuiert.
Die Bleiabdeckungen wurden ja mittels zwei Bändseln am Rohr befestigt. Erster Impuls war natürlich: "Die druck ich gleich mit". Hat auch gut funktioniert. Bemalt sieht das ganz gut aus, ist natürlich etwas herausfordernd, eine 0,15 dicke Wulst zu sauber zu färben.
Deshalb habe ich als einen Versuch einen Druck mit einem Loch im nicht einsehbaren Bereich unter der Traube gedruckt und die 4 Löcher mit 0,3 mm schon vorangelegt. Nach dem Druck waren diese wie zu erwarten zugelaufen und mussten erst mal freigeschaufelt werden. Es hat sich dann gezeigt, dass für das 0,15 mm Tau eine Bohrung von 0,4 mm nötig war, um die Bindsel auch durchzubekommen.
Zitat von dafi im Beitrag #2Farblich zu highlighten ist das schon schwierig
Wie machst du das denn? Ich würde es ja trocken abbürsten, also einen helleren Farbton nehmen, mit dem trockenen Pinsel da rein gehen, den Pinsel dann gründlich auf Küchenkrepp abstreifen und dann damit vorsichtig über das Wappen gehen.
Genauso. Im Malsortiment der Tabletop-Figurenmaler gibt es auch spezielle Drybrushfarben, die sind in ihrer Konsistenz schon extrem trocken, puddingartig. Damit kann man das Ergebnis noch besser einstellen. Auch wenn es wehtut nehme ich mittlerweile einen einigermaßen guten Pinsel, er leidet dann doch mehr als beim normalen arbeiten. Und ich nehme auch immer ein altes Modell aus der Krabbelkiste um mich an die nötige Konsistenz für den gewünschten Effekt heranzutasten.
Aber auch hier gilt, der Effekt kommt auf den Einsatzort an. Die Rohre in den Bildern oben haben ein extrem zurückhaltendes Highlight, bei den Geschützen im Unterdeck meiner Victory hab ich bedeutend stärker gebrushed.
Ich bin ja ein großer Fan des 3D-Druckes (wenn auch vorläufig nur theoretisch) und mir gefallen Deine Produkte, sehe aber gewisse Unzulänglichkeiten, wenn es sich nicht um bemalte, sondern um Rohre handelt, denen durch Patinierung ein Korrosionsschutz gegeben wurde.
Bronzerohre wurden ähnlich wie Skulpturen patiniert, während gußeiserne Rohre wiederholt mit Essig abgerieben und dann das entstandene Eisen(III)-Acetat mit Leinöl quasi als in situ-Farbe verfestigt wurde. In beiden Fällen gibt es einen gewissen metallischen Glanz, der nur mit Farbe nicht so leicht nachzuahmen ist. Wenn man es wirklich darauf anlegt und genügend 'cash-flow' hat könnte man die 3D-gedruckten Rohre natürlich als Urmodelle für einen Guß im Wachsausschmelzverfahren verwenden.
Eine andere Sache sind Hinterlader an deren Mechanik es blankes Metall gibt, das sich nur durch Metall wirklich gut darstellen läßt.
Kunststoff lässt sich auch galvanisieren, man kennt das von den verchromten Rädern der Plastikbausätze. Weiß nicht, ob das in dieser Größe geht, könnte man aber mal versuchen.
Wäre eine Möglichkeit. Man muß die Teile (oder Bereiche davon) zuerst mit einem Leitlack überziehen. Es würde sich dafür vielleicht die Tampon-Galvanisierung anbieten, wie sie die Juweliere bei der Reperatur von Schmuck oder Bestecken verwenden. Bei SELVA oder ähnlichen Händlern gibt es etwa lötkolbengroße Geräte dafür samt der Chemie für die Verkupferung oder Versilberung. Allerdings ist Silber in der Anmutung im Vergleich zu Stahl zu weiß.
Gußeisen läßt sich übrigens sehr überzeugend dadurch simulieren, daß man mit einem weichen Bleistift (B8) über mit Schwarz oder Silber lackierte Oberfläche streicht und anschließend mit einem Wattestäbchen bzw. mit einem Wischstäbchen aus dem Künstlerbedarf aufpoliert.
Ich habe das mangels Bedarf nie ausprobiert, aber man könnte mal sehen, was passiert wenn man das gleiche mit einer in Bronze lackierten Oberfläche macht. Könnte in Richtung Geschützbronze ('gun-metal') gehen.
Zitat von wefalck im Beitrag #9Gußeisen läßt sich übrigens sehr überzeugend dadurch simulieren, daß man mit einem weichen Bleistift (B8) über mit Schwarz oder Silber lackierte Oberfläche streicht und anschließend mit einem Wattestäbchen bzw. mit einem Wischstäbchen aus dem Künstlerbedarf aufpoliert.
Einfacher ist, Das Wattestäbchen in Bleistiftspäne (aus der Schwiegermutter, so hieß bei uns der kleine Kasten mit Reibeflächen zum Anspitzen😎) eintauchen und das auf dem Teil verwischen. Da vermeiden man , das Striemen vom Strich zurück bleiben. Und das geht auch mit B Minen, wer hat schon B8.
Uwe vom Dunkelwald (lat.: Miriquidi)
Mitglied des Phantomprojektes Recherche: Fleute Zeehaen Kiellegung: Golden Hinde Fertiggestellt: Die Kolumbusflotte
In der Schule hatte ich meinem 'Federmäppchen' immer ein Stück Sandpapier, das zwischen zwei aufklappbaren Pappdeckeln eingeklebt war, um die Zirkelmine meißelförmig anzuspitzen ... woher kommt der Ausdruck 'Schwiegermutter' ?
Ich habe es auch mit solchem Bleistiftstaub versucht und mit Graphitpulver zum Schmieren von Schlössern usw. Der Gebrauch eines Bleistifts (ich habe einen vollständigen Satz aller Härtegrade) hat aber den Vorteil, daß die darunterliegende Farboberfläche poliert wird, was sich auf die metallische Wirkung positiv auswirkt.
Woher der Name Schwiegermutter kommt? .....keine Ahnung.
Mein alter Herr hat mal gesagt, weil der Kasten "ein schwarzes Loch ist wo man sich dran reiben kann" ist auch egal, als die Dinger noch in Gebrauch waren wusste jeder (im entsprechenden Beruf) was gemeint war. Ich habe mal meinen gar nicht so kleinen Fundus durchgesehen, bis H 5 in die harte Richtung und B 2 in die weichen, B 8 ist nicht vorhanden. wohl eher was für Grafiker als für technische Berufe.
Uwe vom Dunkelwald (lat.: Miriquidi)
Mitglied des Phantomprojektes Recherche: Fleute Zeehaen Kiellegung: Golden Hinde Fertiggestellt: Die Kolumbusflotte
Zitat von dafi im Beitrag #8Kunststoff lässt sich auch galvanisieren, man kennt das von den verchromten Rädern der Plastikbausätze. Weiß nicht, ob das in dieser Größe geht, könnte man aber mal versuchen.
XXXDAn
Galvanisieren geht eigentlich immer. Die Frage ist nur, wie dickflüssig ist der Leitlack und pappt er die Details zu.
Jedoch, im plaste Modellbau und Tabletop nimmt man seit vielen Jahren eher Echtmetallfarben. Alclad2 ist da so ne Farbpalette die ich seit über 20 Jahren kenne. Andere Hersteller wie z.B. AK Interactive oder Vallejo haben inzwischen auch solche Farben. Einziger Nachteil, die meisten sind für den Luftpinsel gedacht. Aber kleine Flächen sind mit dem Pinsel durchaus streichbar.
Verchromte Plastikteile erinnert mich an den Revellbausatz Mercedes SSK, den ich mal als Kind zusammengebaut habe. Da war ich wegen der verklebten Details so enttäuscht, dass ich denen geschrieben und auch Ersatz bekommen habe. Der war aber keinen Deut besser. Der Stern z.B. war auch eher eine Scheibe, die drei Löcher zugekleistert vom Chrom.